Unterricht zuhause als Chance: So läuft der digitale Unterricht an den Schulen (03.04.2020)

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Unterricht am Computer: Altenas Schulen greifen dabei auch auf spezielle Lernsoftware zurück. Der Crashkurs in Sachen digitales Lernen wird von ihnen durchaus als Chance gesehen.

Altena/Nachrodt-Wiblingwerde –Die Not haben die Schulen zur Tugend gemacht - und in Sachen digitales Lernen in kurzer zeit Enormes auf die Beine gestellt.

Das hat Schüler und vor allem die Lehrer an Altenas Schulen vor 14 Tagen kalt erwischt: Am Freitag, den 13., fiel kurz nach Schulschluss die Entscheidung, dass sämtliche Schulen ab sofort geschlossen bleiben. Für die Kollegien bedeutete das, dass auf die Schnelle „Unterricht zuhause“ organisiert werden musste.

Eine Art unfreiwilliger Crashkurs in Sachen digitales Lernen, der durchaus auch als Chance verstanden wird. „Aufgrund der großen Differenzierung, die wir beim Unterrichten vornehmen, sehen wir große Vorteile in einem Unterricht, der durch digitale Medien gestützt ist. 

Test-Schule für Logineo

Deshalb kann diese Phase gewissermaßen auch als Vorlauf zu unserem geplanten Medienkonzept genutzt werden“, sagt Anne Rohde, Leiterin der Sekundarschule Altena/Nachrodt.

Am Burggymnasium steht das Thema digitales Lernen schon länger auf der Agenda, was für Schüler und Lehrer jetzt sehr hilfreich ist. Schon seit 2017 läuft auf dem Schulserver das Programm Logineo, die Schule war Beta-Tester dieses vom Land entwickelten Mailprogramms. Jeder Schüler hat seine eigene, schulische Mailadresse, über die ihm nicht nur Aufgaben übermittelt werden können: Auch Videokonferenzen und andere interaktive Aktionen seien möglich, erklärt Sabrina Bräunig vom Digital-Team der Schule. 

Der Austausch zwischen Schülern und Lehrern und der Schüler untereinander laufe gut, berichtet sie und lobt die hohe Motivation aller Beteiligten. Auch die Lehrer müssen lernen Ein zweites Programm, auf das das Burggymnasium schon länger setzt und das sich jetzt als sehr hilfreich erweist, ist Moodle – ein Online-Arbeitsraum, über den Lerninhalte und Materialien mit verschiedenen Leistungsansprüchen zur Verfügung gestellt werden. Nicht nur die Schüler lernen, sondern auch mancher Lehrer. 

Umschlag voller Arbeitsblätter

Bräunig bietet Tutorials für solche Kollegen an, die sich in der Vergangenheit noch nicht so intensiv mit digitalen Lerntechniken beschäftigt haben. 

Dazu gehört auch Stefan Rohde, wie er freimütig erklärt. Es sei jetzt höchst spannend zu beobachten, welche Möglichkeiten die neue Technik biete, sagt er. Szenenwechsel ins Mühlendorf, wo Wolfgang Wilbers die Stellung hält. Der Leiter der Grundschule Altena mit ihren Standorten an der Jahnstraße und in Dahle hat mit seinen Kollegen Arbeitsblätter zusammengestellt, als sich die Schulschließung abzeichnete. So habe man jedem Kind am letzten Schultag einen dicken Umschlag mit Lernmaterialien übergeben können, berichtet er. 

Anton begeistert

Inzwischen wurde nachgelegt: Am Mittwoch erst seien mehrere Lehrer in der Schule gewesen, um neue Kopien anzufertigen und zu verschicken. Das ist die Lösung für die (wenigen) Schüler, die keinen Zugang zu den neuen Medien haben. Auch an der Grundschule gilt nämlich: Vieles läuft digital. 

Dabei spielt Anton eine große Rolle. Das ist eine Lern-App. Anfangs nutzte die Schule eine kostenlose Version, hat sich inzwischen aber für den Kauf der Vollversion entschieden. „Anton ist eine Art Alleskönner im Bereich Lern-Apps“, lobt das Fachmagazin connect.de. 

Das Programm bietet für Schüler bis zur sechsten Klasse Aufgaben, Übungen und Lernspiele in den Fächern Deutsch, Mathe und Sachkunde – altersgerecht und jeweils passend zu den Lehrplänen der einzelnen Bundesländer. 

Anton hat auch ein eingebautes Belohnungssystem: Wer Aufgaben richtig löst, bekommt dafür Punkte, die er in Spiele investieren kann. Anton erlaubt es natürlich auch, dass die Lehrer der Grundschule mit ihren Schülern in Kontakt treten und deren Lernfortschritte kontrollieren können. Erfreulich ist auch, dass diese App völlig frei von Werbung ist.  

Erstklässler brauchen Papier

Eins kann Anton aber nicht: Türkisch. An der Grundschule Altena gibt es seit einiger Zeit muttersprachlichen Unterricht für Kinder mit türkischen Wurzeln. Darum kümmert sich Kerim Degermenci. Auch er steht mit seinen Schülern im digitalen Kontakt und schickt ihnen per Mail oder über Whatsapp immer wieder neue Aufgaben. 

Nur digital geht nicht, jedenfalls nicht in ihrer Klasse: Das sagt Kati Held, die Erstklässler unterrichtet. Denen müsse sich doch noch einige Materialien in Papierform zur Verfügung stellen. Mal geht das per Mail, mal per Post – „und die Schüler schreiben mir durchaus auch Briefe zurück“. Weil der „persönliche“ Kontakt zur Lehrerin für Kinder dieses Alters ganz wichtig ist, schickt Kati Held ihnen auch immer wieder Videobotschaften. 

Für die Lehrer der Sekundarschule sei die Situation eine große Herausforderung, sagt Schulleiterin Anne Rohde und freut sich darüber, dass das Engagement ihrer Kollegen von den Eltern sehr anerkannt wird. 

Umfrage unter Sekundarschülern 

„Wir haben sofort nach Schulschließung Wochenpläne für alle Schülerinnen und Schüler, aufgeschlüsselt nach Klassen, Fächern und Niveaus, passwortgeschützt ins Netz gestellt“, schildert Rohde. Wenn die Schüler ihre Aufgaben erledigt haben, werden sie elektronisch eingesammelt, korrigiert und kommentiert zurückgesandt.

 „Die Aufgaben waren so zu stellen, dass auch Kinder ohne heimischen PC diese bearbeiten konnten“, sagt die Schulleiterin. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass der Großteil der Kinder zum Lernen das Smartphone nutzt. 

Auch an dieser Schule ging es nicht ganz ohne Papier. Rohde: „Die Schüler haben in ihre Hefte geschrieben, die Aufgaben dann abfotografiert und uns zugemailt.“ Die Eltern der Sekundarschüler wurden regelmäßig durch Elternbriefe informiert. Alle Informationen sind auf die Homepage gestellt worden.

 Außerdem wurde eine Umfrage zur Evaluation des Homeschooling durchgeführt. „Bereits am ersten Tag haben über 100 Schülerinnen und Schüler diese spontan beantwortet“, berichtet Rohde.

Einige Ergebnisse

-Bis auf ganz wenige (unter drei Prozent) konnten alle Schüler ohne Probleme und ohne Hilfe auf die Aufgaben zugreifen. 

-Die Schüler haben ihre Fähigkeiten mit der Technik als gut (4 Sterne) eingeschätzt, über die Hälfte meint aber, dass sie dadurch etwas dazugelernt haben. 

-90 Prozent würden auch im Unterricht gern mehr mit elektronischen Medien arbeiten. (Rohde: „Das passt zu unserem Medienentwicklungsplan.“) 

-Die Schüler haben in der Regel bis zu zwei Stunden pro Tag an den Aufgaben gearbeitet

-Für die Hälfte der Schülerinnen und Schüler waren die Aufgaben vom Aufwand her genau richtig gestellt, viele stöhnten allerdings über eine zu große Menge an Aufgaben, 3,6 Prozent fanden die Aufgaben zu kurz. 

-Zum Kontakt mit den Lehrern wurden 4 Sterne vergeben. 

Als nächstes plane die Schule jetzt noch eine Umfrage für die Eltern und die Lehrkräfte, schildert Schulleiterin Anne Rohde, für die der Sprung ins kalte Wasser eine wichtige Erfahrung ist, weil die Sekundarschule digitales Lernen ohnehin ausweiten will.

Bild und Text: Th. Bender (Ak)
Quelle: https://www.come-on.de/lennetal/altena/unterricht-zuhause-chance-laeuft-digitale-unterricht-schulen-altena-nachrodt-13638223.html (Zugriff am 14.04.2020)